In vielen Krankenhäusern gehören verstopfte Notaufnahmen zum Alltag. Wenn Patienten stationär aufgenommen werden müssen, aber kein freies Bett auf den Stationen verfügbar ist, verbringen sie oft Stunden oder Tage im Wartebereich – ein Phänomen, das in der Fachwelt als „Boarding“ bezeichnet wird. Eine im Fachjournal JAMA veröffentlichte Untersuchung des Netzwerks RESQUE-NET zeigt nun, dass bei knapp einem Viertel der betroffenen Patienten erhebliche Verzögerungen auftreten, bis das zuständige Stationspersonal die Betreuung übernimmt.
- Laut der Studie warten 23 Prozent der aufgenommenen Notfallpatienten mindestens vier Stunden auf die Übergabe an ein stationäres Behandlungsteam.
- In einzelnen Fällen erstreckt sich die Wartezeit auf die gezielte Betreuung sogar auf 12 bis 24 Stunden.
- Ältere Menschen und Patienten mit komplexen Erkrankungen sind besonders häufig von den Verzögerungen betroffen.
- Ab Januar 2027 treten in den USA stufenweise neue Meldepflichten in Kraft, die Notaufnahmedaten öffentlich machen und finanziell sanktionieren können.
Das Phänomen Boarding belastet Klinikabläufe seit Jahren
Die Organisation von Notaufnahmen unterscheidet sich grundlegend von der Arbeit auf regulären Krankenstationen. Während Notfallteams auf die rasche Erstversorgung, Diagnostik und Stabilisierung lebensbedrohlicher Zustände ausgerichtet sind, verläuft die stationäre Pflege nach einem anderen Zeitplan. Dort stehen mehrtägige Therapieeinstellungen, Befundanalysen und die Entlassungsplanung im Vordergrund. Wenn Notaufnahmen voll laufen, entsteht ein struktureller Engpass an der Schnittstelle beider Systeme.
Um Versorgungslücken zu schließen, haben zahlreiche Kliniken in den vergangenen Jahren begonnen, stationäre Pflegedienste und Ärzteteams direkt in die Notaufnahme zu schicken. Auf diese Weise soll die geplante Behandlung bereits beginnen, während der Patient physisch noch auf ein freies Bett wartet. Wie gut diese Abläufe in der Praxis funktionieren, war bislang jedoch kaum wissenschaftlich untersucht worden.
Die RESQUE-NET-Studie belegt lange Verzögerungen bei der Versorgung
Das Forschungsteam um die Notfallmediziner Alex Janke, Adrian Haimovich und Ari Friedman wertete für die Studie Daten aus 56 US-Krankenhäusern aus 17 Gesundheitssystemen aus. Die Analyse konzentrierte sich auf Patienten der allgemeinen Inneren Medizin und schloss chirurgische sowie intensivmedizinische Fälle aus.
Die Ergebnisse zeigen, dass 23 Prozent der betroffenen Patienten mindestens vier Stunden warten müssen, bis das stationäre Team die Behandlungsverantwortung übernimmt.
Die US-Organisation Joint Commission stuft Wartezeiten von mehr als vier Stunden bis zum Bettenwechsel bereits als kritisches Sicherheitsrisiko für Patienten ein. Den Studiendaten zufolge warten manche Patienten sogar 12 oder bis zu 24 Stunden auf die gezielte Betreuung. Besonders häufig von langen Verzögerungen betroffen sind Menschen über 65 Jahre, Personen mit komplexen Chroniker-Leiden sowie Patienten, die eine Vielzahl von Medikamenten einnehmen. Auch an großen Kliniken, Lehrkrankenhäusern und Häusern mit einem hohen Anteil an staatlich versicherten Patienten zeigten sich längere Wartezeiten.
Aus medizinischer Sicht birgt der Zeitverlust Gefahren: Wichtige Begutachtungen durch Physiotherapeuten oder Ergotherapeuten sowie Anpassungen der Medikation verzögern sich. Für Patienten bedeutet dies, dass zielgerichtete Genesungsschritte erst verspätet anlaufen.
Ab 2027 greifen gesetzliche Vorgaben für mehr Transparenz
Die Studienergebnisse fallen in eine Phase politischer Weichenstellungen in den USA. Ab Januar 2027 müssen die elektronischen Patientenakten in US-Kliniken beginnen, anonymisierte Daten über die Verweildauer in Notaufnahmen direkt an ein zentrales Meldesystem der Bundesregierung zu übermitteln. Ein Jahr später, im Jahr 2028, wird diese Datenübermittlung für alle Krankenhäuser verpflichtend.
Die erhobenen Kennzahlen sollen auf dem öffentlichen Portal „Care Compare“ einsehbar sein.
Bis zum Jahr 2030 werden die Leistungswerte aus den Notaufnahmen zudem direkt in die Vergütungssätze des staatlichen Medicare-Programms einfließen.
Parallel dazu wird im US-Kongress ein Gesetzentwurf beraten, der die Transparenz bei der Bettenbelegung weiter erhöhen soll, um das Boarding in Notaufnahmen einzudämmen.
Welche Erfahrungen haben Sie bei Wartezeiten und Versorgungsgüte in Notaufnahmen gemacht? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren.




























