Kardiologen des Universitair Medisch Centrum Groningen (UMCG) haben in drei wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen, dass der Wirkstoff Digoxin in niedriger Dosierung das Risiko von Krankenhauseinweisungen bei Herzinsuffizienz signifikant verringert. Die in Fachjournalen wie Nature Medicine und JAMA veröffentlichten sowie auf dem ESC Heart Failure Congress in Barcelona präsentierten Ergebnisse belegen, dass die Gabe des extrem günstigen Medikaments zusätzlich zur Standardtherapie die Klinikeinweisungen wegen fortschreitender Herzschwäche um durchschnittlich 25 Prozent senkt. Die niederländischen Forscher Dirk Jan van Veldhuisen, Kevin Damman und Peter van der Meer lieferten damit erstmals den klaren Nachweis für den Nutzen einer niedrigen Dosis.
- Eine niedrige Dosierung von Digoxin senkt die Zahl der Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz um durchschnittlich 25 Prozent.
- Das jahrhundertealte Medikament kostet weniger als zehn Cent pro Tag und wirkt durch die Dämpfung von Stresshormonen im Blut.
- Die neuen Studienergebnisse aus Groningen könnten künftig die internationalen Behandlungsleitlinien für Herzschwäche verändern.
Der lange Weg vom etablierten Wirkstoff zur Nischendosis
Digoxin gehört zu den ältesten Medikamenten in der Kardiologie, verlor jedoch in den vergangen 25 bis 30 Jahren stark an Bedeutung. Ursprünglich wurde das Präparat in höheren Dosierungen verschrieben, um die Kontraktionskraft des geschwächten Herzmuskels direkt zu steigern. Diese starke Beanspruchung erwies sich für ein geschädigtes Organ jedoch langfristig als nachteilig. Mit der Entwicklung neuerer Medikamente sank der Anteil der Herzpatienten, die Digoxin erhielten, auf nur noch etwa 15 Prozent.
Anstatt ein geschwächtes Herz zu mehr Leistung zu zwingen, erweist sich die gezielte Entlastung des Organs als der deutlich wirksamere Ansatz.
Bei einer Herzinsuffizienz schaffst es das Herz nicht mehr, ausreichend Blut durch den Körper zu pumpen. Dies führt bei Betroffenen zu Atemnot, Erschöpfung und häufigen Krankenhausaufenthalten. In einer niedrigen Dosis greift Digoxin anders an als früher: Es dämpft schädliche Kompensationsreaktionen des Körpers, indem es unter anderem den Spiegel von Stresshormonen wie Adrenalin im Blut verringert.
Dreiteilige Forschung belegt den Nutzen der niedrigen Dosierung
Die Forschungsgruppe des UMCG führte zur Klärung der Wirkung eine dreiteilige Versuchsreihe durch. An einer klinischen Hauptstudie nahmen 1.000 Personen mit Herzschwäche an 43 Zentren in den Niederlanden teil. Eine Hälfte erhielt über durchschnittlich drei Jahre hinweg zusätzlich zur Standardtherapie eine niedrige Dosis Digoxin, die andere Hälfte ein Placebo. Die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz sank in der Digoxin-Gruppe zwar um 19 Prozent, doch reichte dieser Wert allein noch nicht für eine statistische Signifikanz aus.
Erst die Zusammenfassung dieser Daten mit zwei früheren Studien in einer umfassenden Meta-Analyse erbrachte den statistisch eindeutigen Nachweis: Die Zugabe von Digoxin führte zu einer Reduktion der Krankenhauseinweisungen um durchschnittlich 25 Prozent. Dies gilt auch für Patienten, die bereits die derzeitige Kombinationstherapie aus vier Standardmedikamenten, die sogenannten •Fantastic Four“, einnehmen.
In einer Begleitstudie zeigte sich zudem, dass ein plötzliches Absetzen von Digoxin innerhalb von sechs Wochen bei 14 von 288 Patienten zu erneuten Klinikaufenthalten oder Todesfällen führte.
Künftige Anpassung der Behandlungsleitlinien erwartet
Für das Gesundheitssystem bedeutet das Forschungsergebnis ein erhebliches Potenzial zur Einsparung von Behandlungskosten. Während neuere Herzmedikamente oft mehrere Euro pro Tag kosten, belaufen sich die Kosten für Digoxin auf weniger als zehn Cent am Tag. Die Forschungsarbeiten wurden von der niederländischen Hartstichting in Zusammenarbeit mit ZonMw im Rahmen des Programms •Good Use of Medicines“ mit drei Millionen Euro gefördert, da die Pharmaindustrie für die Erforschung verjährter, kostengünstiger Wirkstoffe kaum Mittel bereitstellt.
Nach Einschätzung der Forschenden könnten die Ergebnisse nun dazu führen, dass die offiziellen Behandlungsleitlinien für Herzinsuffizienz angepasst werden. Dies würde bedeuten, dass das traditionsreiche Medikament künftig als fünfte Behandlungsoption für eine deutlich breitere Patientengruppe zur Verfügung steht.




























