Der Weg zu Thaer Bisharats Haus im nördlichen Jordantal sollte von der Hauptstraße aus eigentlich weniger als zehn Minuten dauern. Stattdessen benötigten Besucher dafür drei Stunden. Jedes Tor nach Ras al-Ahmar ist mittlerweile geschlossen. Die Zufahrt ist nur noch über eine einzige, windige Schotterstraße möglich, die Geländewagen erfordert und auf der man ständig Gefahr läuft, von israelischen Militärpatrouillen oder Siedlern abgefangen zu werden. Die Sperrung von Straßen ist in dieser Region des besetzten Westjordanlands längst zur Normalität geworden.
- Die neue Barriere „Crimson Thread“ soll plangemäß eine Länge von rund 500 Kilometern erreichen.
- Ein erstes Teilstück von 22 Kilometern trennt bereits das nördliche Jordantal von wichtigen Zentren wie Nablus ab.
- Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2026 erließen israelische Behörden 49 militärische Landbeschlagnahmungen.
Der schleichende Entzug der Lebensgrundlage
Die Entwicklung im nördlichen Jordantal hat eine lange Vorgeschichte. Seit Jahrzehnten nutzen israelische Behörden verschiedene Instrumente, um die Kontrolle über das fruchtbare Land zu sichern. Was einst mit Straßensperren, dem Bau von Siedlungen und der Deklaration palästinensischer Gebiete zu militärischen Sperrzonen begann, hat sich laut der israelischen Nichtregierungsorganisation Kerem Navot in den vergangenen Jahren drastisch verschärft. Die Kombination aus Siedlerübergriffen, Militärrazzien, der Beschlagnahmung von Eigentum und dem systematischen Entzug des Zugangs zu Ressourcen hat viele palästinensische Gemeinden bereits zur Aufgabe gezwungen.
„Sie sperren uns ein und schnüren uns die Luft ab“, beschreibt der betroffene Landwirt Thaer Bisharat die Situation vor Ort.
Zuletzt eskalierte der Druck im Vorfeld des neuen Bauprojekts erheblich. Israelische Kräfte zerstörten Brunnen und kappten Wasserleitungen, sodass landwirtschaftliche Flächen und Gewächshäuser austrockneten. Berichten von Anwohnern zufolge suchten bewaffnete Kräfte die verbliebenen Bauern auf, erfassten deren Personalien und forderten sie unter Androhung der Beschlagnahmung ihres gesamten Besitzes auf, das Gebiet innerhalb von 24 Stunden zu verlassen.
Das Urteil und der Baubeginn der Riesenbarriere
Der eigentliche Startschuss für die physische Umsetzung des Projekts „Crimson Thread“ (dt. „Purpurroter Faden“) fiel nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Israels im vergangenen Monat, die den Weg für den Bau freimachte. Unmittelbar nach dem Urteil begann die israelische Zivilverwaltung mit den Arbeiten. Auf einer Länge von rund drei Kilometern wurden bereits tiefe Gräben ausgehoben.
Die Barriere kombiniert einen tiefen Graben mit einer Militärstraße und verläuft auf einem ersten, 22 Kilometer langen Abschnitt zwischen den Kontrollpunkten Ein Shibli und Tayasir. Offiziell begründet Israel das Projekt mit der Notwendigkeit, den Waffenschmuggel aus Jordanien zu unterbinden. Allerdings verläuft die Trasse nicht entlang der bereits gesicherten jordanischen Grenze, sondern kilometerweit im Inneren des besetzten Westjordanlands. Kritiker und Betroffene bezweifeln daher den rein defensiven Charakter der Anlage.
Die geplante Expansion und ihre Folgen
In der nächsten Phase soll das Projekt massiv ausgeweitet werden. Geplant ist eine Gesamtlänge von rund 500 Kilometern. Diese Barriere wird in ihren Auswirkungen mit der bestehenden Sperranlage auf der anderen Seite des Westjordanlands verglichen: Sie wird Palästinenser systematisch von Tausenden Hektar Agrarland abschneiden.
Gleichzeitig dient die Route dazu, bestehende israelische Siedlungen mit neuen Außenposten wie auf dem Berg Jabal Tamun zu verbinden. Für die Region bedeutet dies eine Zementierung der Teilung. Während die Behörden den Bau weiter vorantreiben, stehen die verbliebenen palästinensischen Bauern vor einer ungewissen Zukunft – die Mehrheit der dortigen Gemeinden wurde bereits gezwungen, das Gebiet zu verlassen.
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